Film | Zustand und Gelände

Zustand und Gelände


Regie: Ute Adamczewski

Sogenannte wilde Konzentrationslager, unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis ab März 1933 zur Ausschaltung politischer Gegner eingerichtet und heute weitgehend vergessen, sind Ausgangspunkt des Films.

Bilder von Straßen, Wohnhäusern, Schlössern und Burgen treffen auf aus dem Off verlesene bürokratische Briefwechsel, Tagebucheinträge, literarische Fragmente. Zu Beginn entstammen sie dem Jahr 1933, kreisen thematisch um Schutzhaft- und Konzentrationslager, politischer Opposition, traumatischer Erfahrungen. 1945, 1977, 1990, 2011 kommen weitere Überschreibungen der Orte hinzu und mit ihnen die Diskurse der jeweiligen Erinnerungskultur.

Drei aufeinanderfolgende Zeiträume der deutschen Geschichte verknüpfen sich zu einem losen Narrativ, in dem Gewalt zur Durchsetzung von Macht eine wesentliche Rolle spielt. Erzählt wird von Orten, die nicht nur im Nationalsozialismus Teil einer netzartigen, faschistischen Infrastruktur waren, sondern die – nach dem Krieg, dem Ende der DDR, in der gesamtdeutschen Gegenwart – umkämpfte Räume einer Deutungshoheit von Geschichte und Legitimation politischer Linien wurden. In jedem Bild potenzieren sich die Zeitpunkte und Zeiträume und beharren auf ihrem Jetzt.

»Der stärkste Film des Wettbewerbs, ausgezeichnet mit der Goldenen Taube!« Berliner Zeitung

UTE ADAMCZEWSKI arbeitet als Videokünstlerin und Filmemacherin in Berlin. Ihre Videoinstallationen
wurden unter anderem auf der Architektur Biennale Venedig, der Shanghai Kunst Biennale und in der Pinakothek der Moderne München gezeigt. Ihre letzten Arbeiten NEUE ORDNUNG (2013) und LA VILLE RADIEUSE CHINOISE (2015) wurden von den KW-Institute for Contemporary Art in Berlin koproduziert. ZUSTAND UND GELÄNDE ist ihr erster Dokumentarfilm.

Regisseurin Ute Adamczweski über ihren Film
Ein Motiv für meinen Film sind die erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen in Deutschland seit dem Mauerfall. Exemplarisch lassen sie sich am sächsischen Gedenkstättengesetz von 2004 bis 2015 nachvollziehen. Dessen Gleichsetzung von Nationalsozialismus und DDR führte zu dem Vorwurf, eine Relativierung des NS und damit eine Re-Nationalisierung des Gedenkens zu betreiben. Die frühen Lager, in denen der Widerstand zum NS niedergemacht wurde, sind mir in diesem Kontext begegnet. In den spärlichen Veröffentlichungen dazu gab es keine Fotos. Erst bei den Ortsbesichtigungen wurde mir bewusst, dass sich die meisten Lager inmitten von Ortschaften befanden. Es war offensichtlich, dass man die Orte und die Lager zusammendenken muss. Durch einen Zufall konnte ich während der Dreharbeiten im Stadtarchiv Frankenberg einen Stapel Dokumente einsehen. Ganz oben lag eine Warenbestellung für das Lager Sachsenburg. In dem Stapel befanden sich noch Bewerbungsschreiben, Verhaftungs- und Verhörprotokolle. In jedem einzelnen Dokument konnte man die Verstrickungen des Lagers mit seiner Umgebung und die Beteiligung unzähliger Personen erkennen. Aus den Dokumenten und weiteren Quellen habe ich einen Filmtext entwickelt. Während das Bild in der Gegenwart bleibt, bewegt sich der Text durch die Zeit und zeigt die ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen, die zur Ausgrenzung bestimmter Gruppen und zur Eskalation von Gewalt geführt haben. Der Ausdehnung des NS in alle Lebensbereiche habe ich die vermeintliche Harmlosigkeit der Orte zur Seite gestellt. In den Filmbildern tauchen Mahnmale auf, die den Opfern des NS gewidmet waren. An deren Umwidmungen lassen sich die antagonistischen Positionen zur deutschen Geschichte ablesen.

Der Dokumentarfilm ZUSTAND UND GELÄNDE erzählt die Geschichte einer Eskalation. Ausgangspunkt des Films sind sogenannte wilde Konzentrationslager, die unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtergreifung ab März 1933 zur Ausschaltung politischer Gegner eingerichtet wurden und heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind. ZUSTAND UND GELÄNDE handelt von den Überschreibungen der Orte durch die Zeit und davon, wie sich unterschiedliche politische Erinnerungskulturen in sie eingeschrieben haben. Der Film verknüpft drei aufeinanderfolgende Zeiträume der deutschen Geschichte zu einem losen Narrativ, in dem Gewalt zur Durchsetzung von Macht eine wesentliche Rolle spielt.

Bilder von Straßen, Wohnhäusern, Schlössern und Burgen aus Sachsen treffen auf aus dem Off verlesene bürokratische Briefwechsel, Tagebucheinträge, literarische Fragmente. Zu Beginn entstammen sie dem Jahr 1933, kreisen thematisch um die Suche nach, später die Organisation von Schutzhaft- und Konzentrationslagern, der Unterdrückung bzw. dem Widerstand der politischen Opposition, von traumatischen Erfahrungen. Nach und nach kommen neue Zeitschichten hinzu – 1945, 1977, 1990, 2011 – und mit ihnen Diskurse der Erinnerungskultur – der Repräsentation dieser Ereignisse, der Etablierung von Denkmälern, der Definition des Begriffs „Opfer des Faschismus“. Auge und Ohr werden voneinander getrennt, die Gegenwart der Orte im Bild trifft auf deren Nutzung und Deutung in diversen, historischen Schichten im Ton. So erzählt ZUSTAND UND GELÄNDE nicht nur von Orten, die im Nationalsozialismus gleich zu Beginn Teil einer netzartigen faschistischen Infrastruktur wurden, sondern die später – nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Ende der DDR, in der gesamtdeutschen Gegenwart der NSU – umkämpfte Räume einer Deutungshoheit von Geschichte und Legitimation politischer Linien wurden. Daraus entsteht das drückende Gefühl eines Insistierens der Vergangenheit auf eine Gegenwart, wird Geschichte als Ge-schichtetes begreifbar, in jedem Bild potenzieren sich die Zeitpunkte und Zeiträume und beharren auf ihr Jetzt.

Credits
Regie: Ute Adamczewski

Produktionsland: D
Produktionsjahr: 2019
Pressestimmen

»Der stärkste Film des Wettbewerbs, ausgezeichnet mit der Goldenen Taube!« Berliner Zeitung

„Eine extrem präzise Montage von aktuellem Bildmaterial und archivierten Schriftstücken.“ Der Spiegel

„Lange blickt die Kamera in ZUSTAND UND GELÄNDE auf das Gebäude, geduldig, fordernd, als taste sie es nach Spuren ab, als wolle sie das Haus in seine Einzelteile zerlegen. (…) Im Schauen klappen sich die Bilder auseinander, spalten sich immer mehr auf. Unaufhaltsam lassen sich in ihnen neue Dinge finden, an denen der Blick haften bleibt.“ critic.de

„Der Film beeindruckt durch seine strenge Form. Monoton ist er aber nicht. Viele feine Details sind in die Gesamttextur eingewoben.“ MDR

„Dieses anspruchsvolle Filmessay ist eine echte Arthouse-Entdeckung für Doku-Fans.“ programmkino.de

“Zeigt Orte, an denen der deutsche Faschismus begann.” Die Zeit

“… dokumentiert den frühen Terror des NS in Sachsen. Während die Bildebene konsequent in der Gegenwart bleibt, wechseln die Dokumente, die von der Schauspielerin Katharina Meves vorgetragen werden, zwischen der Zeit des Nationalsozialismus und der DDR. Die Dokumente aus der Zeit des NS sind vor allem Täterakten von Behörden und Justiz, die aus der Zeit der DDR vielfältiger. Aussagen von Opfern stehen neben Eingaben an DDR-Behörden, in denen das erinnerungspolitische Ringen der Jahre nach dem Krieg erkennbar wird.” TAZ

Auszeichnungen

DOK-Leipzig – Goldene Taube – bester Dokumentarfilm,
Ver.di-Preis für Menschlichkeit, Solidarität und Fairness
FIDMARSEILLE – Prix Premier
Achtung Berlin – Ecumenical Jury Award

DVD
lieferbar
€ 9,90


Best. Nr.: 2017
ISBN: 978-3-8488-2017-7
EAN: 978-3-8488-2017-7
FSK: 12

Länge: 119
Bild: PAL, Farbe, 16:9
Ton: Dolby Digital, 5.1 und 2.0
Sprache: Deutsch
Untertitel: englisch, französisch, spanisch, portugiesisch, russisch, arabisch, chinesisch, deutsch
Regionalcode: codefree

Label: absolut MEDIEN
Rubrik: Dokument


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