Film | FONTANES WANDERUNGEN: Havelland

FONTANES WANDERUNGEN: Havelland


Regie: Bernhard Sallmann

Der Abschluss der Fontane Quadrologie auf DVD. Mit HAVELLAND FONTANE schließt Bernhard Sallmann seine 2016 begonnene vierteilige Serie zu Theodor Fontanes (1819-1898) Reisereportagen “Wanderungen durch die Mark Brandenburg” ab.

Während die ersten drei Filme zum ODER-, RHIN- und SPREELAND Erkundungen des ländlichen Raums sind, ist in HAVELLAND auch die Verschmelzung einer Flusslandschaft mit dem Großraum Berlin-Potsdam ein zentrales Thema. Fontane legt die Grundlagen der Entstehung der Mark frei und schildert das Ringen der naturreligiösen wendischen Kultur mit der aus dem Westen andrängenden christlichen im 12. Jahrhundert. Er schildert an vielen Beispielen die Austauschverhältnisse der Mark mit der rasch wachsenden Großstadt: Orte industrieller (Ziegelbrennen in Glindow) und landwirtschaftlicher Produktion (Obstanbau in Werder) werden geschildert und in der präzis kadrierten Filmfotografie mit ihrer heutigen Gestalt konfrontiert.

In den gemäldehaften und lang verweilenden Tableaus entsteht ein Resonanzraum, der Zeiten, Orte und verblüffende Geschichten amalgamiert.

HAVELLAND. FONTANE
von Sebastian Markt
HIMMEL. ZEIT
Das erste Bild scheint ohne Zeit, ohne Verweis auf eine Geschichte. Ein Blick in einen lichten Himmel, vor dem sich eine Birke im Wind bewegt. Es ist Zeit da, sich in dem Bild zu verlieren, in das sanfte Schwingen der Äste, in das fast sublime Licht, das durch die vorüberziehenden Wolken scheint. Mit dem Andauern des Bildes wird im Rauschen der Natur noch eine Geräuschwelt vernehmbar, die einen spezifischeren Bezug von Ort und Zeit nahe legt, ein Rauschen, das technischer klingt, nach Verkehr, und schließlich eine distinkte Quelle vernehmen lässt, die ein Bild später auch noch visuell zuordenbar wird: Ein Hubschrauber, der den nachmittäglichen Himmel und die dazugehörige Stille durchschneidet und das unbestimmte Bild fokussiert auf eine Gegenwart, durch die zugleich in eine Vergangenheit geblickt wird. Denn in der Zwischenzeit setzt eine Erzählung ein, die eine Geschichte ausbreitet; „Die Wenden in der Mark“ beginnt sie und handelt sowohl von der slawischen Siedlungsvorgeschichte der Mark Brandenburg, bevor sie als solche konstituiert war, als auch von der germanischen Eroberung und dem vermeintlichen Ende der wendischen Einflüsse, was aber im gleichen Atemzug wieder verkompliziert wird. Das alles entfaltet sich in einer trügerischen Schlichtheit, die die Komplexität ihrer Bezüge nicht ausstellt.
Das Bild ist das erste in Havelland. Fontane, mit dem Bernhard Sallmanns vierteilige Filmwerdung von Theodor Fontanes Brandenburgischen Wanderungen zu einem Abschluss kommt. Wie der Splitter eines Hologramms enthält es als Teil ein ganzes Bild, von einem unerhörten und ungesehenen Herangehen an einen Text und eine Landschaft, und ein Verhältnis, in das Beide gesetzt werden.

BILD. STIMME
Fontanes Stimme ist wie in den vorgehenden Teilen Judica Albrechts Stimme. Auch ihre vokale Darstellung eine Übertragung: Gegenwart, die aus einer Vergangenheit kommt und die Zeiten überbrückt. Eine Präsenz, die noch Abwesendes mitklingen lässt, nicht als Gespenst, sondern als Lesart. Vielfältig sind die Formen, in denen Bild und Stimme darüber zusammenfinden oder in Parallelität bleiben. Momente, in denen auch der Blick ins 19. Jahrhundert gerichtet scheint, aus dem aus dem Off erzählt wird, ohne Anzeichen einer Zwischenzeit, unverstellte Gegenwart, die mit Schilderungen kontrastiert, die als Vorgeschichte verstanden werden, Zeitschichten, von denen der Text allein nicht weiß, aber der Film. Einklang von geschilderten und gezeigten Orten und Vielklang, aus dem ein Drittes entsteht. Die eigensinnige Konstruktion eines filmischen Raumes, der durch die Zeiten reicht, gibt Anlass zu einer unnachahmlichen Seherfahrung: ein konzentriertes und dabei nicht mußeloses Mäandern durch die Geschichte einer Kulturlandschaft, das sich auch auf die Zeiten erstreckt, die der Film zwischen Fontanes Gegenwart und unserer umklammert.

ERZÄHLEN. GESCHICHTE
Wie die Erzählungen der drei vorhergehenden Filme, so offenbart sich Fontanes Werk in Sallmanns Montage und Übertragung als eine vielgestaltige Textlandschaft von eigensinniger Modernität, hier: Eine – man würde heute vielleicht sagen – Dekonstruktion der vermeintlichen Überlegenheit Germanischer Kultur gegenüber den Wenden steht neben der detaillierten Schilderung des handwerklichen Vorgangs des Schwänerupfens, die Legende einer Klostergründung neben der statistischen „Romantik“ (Fontanes Wort) der Werderaner Obstwirtschaft. Wie der Film mit diesen Erzählungen verfährt, ist Teil seiner eigenen Poetik: Eine Inszenierung der Übergange von Erörtern und Erzählen, ein über die einzelnen Filme wechselndes Hinterlassen roter Fäden, Akzentuierungen, das im abschließenden Teil nochmal einen großen historischen Bogen, freilich nicht ohne sinnfällig Abschweifungen, schlägt. Ein Kino, dass seine ganz eigenen Mittel nützt, um eine Erfahrbarkeit von Geschichte zu schaffen, als etwas, das zwischen den Erzählungen und den Bildern im Sehen und Hören eröffnet.

LANDSCHAFT. WANDERN
Ein peripatetisches Filmdenken breitet sich in den Arbeiten aus, produktionsästhetisch, in Sallmanns ruhiger Annäherung an Text und Landschaft in minimaler technischer Ausstattung auf dem Fahrrad, statt im Auto mit fixen Drehplänen, und in der Form, die die Montage findet, um Bilder und Texte zu einer audiovisuellen Landschaft zu fügen: ein vieldimensionaler Kinoraum, der die Erfahrung des Durchwanderns aufnimmt und zugleich in eine zeitliche Dimension überträgt.
Eine Zeit, die von den Zeitläufen historischer Prozesse auf die Zeit des Zuschauer*innenraumes gewendet nicht zuletzt auch ein Geschenk ans Publikum ist: als Freiheit, um sich in dem Raum, den der Film bietet und lässt, umherstreifend zu bewegen.

EKSTASE. STEINE
Das letzte Bild hält lange an. Zwei Einstellungen, die zusammen fast 15 Minuten andauern, zeigen eine Schleuse, in der links ein Schleppkahn, rechts zwei Sportboote auf ihre Durchschleusung warten, während sich am Horizont eine abschiedsrote Sonne überm Havelufer versenkt.
Ekstase heißt der Kahn, der sich dann durch das geöffnete Schleusentor ins offene Gewässer schiebt, was er geladen hat, vermag man aus dem Bild nicht abzulesen, es werden eher nicht die Steine sein, von denen der Text im diesem Moment spricht, von Ziegeln und denen, die sie streichen und brennen, von der Hierarchie der Arbeiter und der um sich greifenden Proletarisierung, die das sich industrialisierende Berlin, das die Tetralogie jetzt gute sechs Stunden und ein paar Jahrhunderte lang umschritten hat und manchmal tangiert hat, befeuert. Ein Bild, das noch einmal die Pole heraufbeschwört, zwischen denen sich Film, Text und Bild bewegen: von der konkreten Zeit des Kinoraums und der abstrakten von Geschichte, von Landschaft und den Gesellschaften, die sie überschreiben, Gegenwart und Abwesenheit. Von Übereinstimmung und Differenz. Ein nüchternes Bild, das zugleich voller Affekte ist. Ein Abschiedsbild, das zugleich ein Aufbruchsbild ist. Ein Bild, das verlischt und bleibt, ein Filmzyklus, der zu Ende geht und bleiben wird.

Extras

Trailer zu allen vier Fontane Filmen!

Credits
Kamera: Bernhard Sallmann
Regie: Bernhard Sallmann

Produktionsland: D
Produktionsjahr: 2019
Pressestimmen

“Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte.” Theodor Fontane

“Der Text ist die Landschaft ist der Film: Die Kunst von Sallmanns Fotografie zeigt sich vor allem darin, dass er nicht einfach perfekte, fast schon gemäldehafte Kompositionen findet, sondern dass er immer wieder Motive entdeckt, die auf mehrere Zeiten gleichzeitig verweisen. Er hat nahezu im Alleingang ein bedeutendes Werk geschaffen, mit dem das Informationszeitalter eine komplexe Lektüre perfekt aufbereitet bekommt – in der Landschaft lesen wir die Zeit.” Frankfurter Allgemeine Zeitung

“Ein starker Film: „Havelland” kombiniert Bilder heutiger Natur und Industrielandschaften mit Texten von 1889. Sallmann bebildert nicht, er schafft eigenwillige Assoziationsräume. Die Gegenwart überschreibt die Vergangenheit. Nichts bleibt, wie es war." Berliner Zeitung

“Der Text liegt über den sorgfältig fotografierten und gut ausgewählten Bildausschnitten. Zu sehen ist selbstverständlich viel Havel, also viel Wsser, und was damit zusammenhängt …” Kreuzer Leipzig

“Innerhalb der langen Einstellungen ist selbst viel in Bewegung. Lichtreflexionen verdichten und verschieben sich, erzeugen ein optisches Gefunkel auf der Wasseroberfläche oder farbige Flecken auf der Kameralinse. Durch Statik und Länge der Einstellungen werden unterschiedliche Gestimmtheiten der Landschaft, der Jahreszeit und des Wetters wahrnehmbar.
Sallmann nutzt den Ton. Nicht um mit den Bildern eine deckungsgleiche Verbindung herzustellen, sondern um die Rahmung der Landschaftstotalen zu überschreiten, um den Schein des bloß Naturhaften und eine historische Kartografie der Landschaft zu dechiffrieren.” Perlentaucher

“Was für eine schöne Idee, und was für eine kongeniale Umsetzung. Wie Gemälde fügen sich die Filmbilder. Sallmann bietet völlig neue Sichtweisen und ungewohnte Blickwinkel auf die Mark. Seine Aufnahmen sprechen für sich, und doch verlässt er sich nicht darauf. Die alten Texte und die neuen Filmaufnahmen bieten im Zusammenschluss einen ganz besonderen Reiz und eignen sich hervorragend zur Entschleunigung. Es handelt sich dabei nicht um eine Reisedokumentation, sondern um ein Kunstwerk. Der vierte und letzte Film „Havelland“ liegt nun vor – pünktlich zum Abschluss des Fontane-Jahres.” Nitro

“Havelland Fontane ist durchaus romantisch. Das liegt schon in den stilistischen Traditionen, die sich hier begegnen: Zum einen eben Fontane mit seinen ausgedehnten, naturverliebten Beschreibungen. Zum anderen aber auch Sallmanns Bilder: In ihrem Aufbau sind sie Reminiszenzen an Caspar David Friedrich – durch den Horizont zweigeteilt; in der unteren Hälfte weite Landschaft, in der oberen Hälfte stets graue Wolkenfront. Romantisierend aber sind sie nicht.” critic.de

“Eine Inszenierung der Übergange von Erörtern und Erzählen, ein über die einzelnen Filme wechselndes Hinterlassen roter Fäden, Akzentuierungen, das im abschließenden Teil nochmal einen großen historischen Bogen, freilich nicht ohne sinnfällig Abschweifungen, schlägt. Ein Kino, dass seine ganz eigenen Mittel nützt, um eine Erfahrbarkeit von Geschichte zu schaffen, als etwas, das zwischen den Erzählungen und den Bildern im Sehen und Hören eröffnet.” Sebastian Markt

“Nach ODERLAND, RHINLAND und SPREELAND erkundet der vierte und letzte Teil der Wanderungen HAVELLAND nun „die Verschmelzung einer Flusslandschaft mit dem Großraum Berlin-Potsdam“. Indie Kino

DVD
lieferbar
€ 9,90


Best. Nr.: 4073
ISBN: 978-3-8488-4073-1
EAN: 978-3-8488-4073-1
FSK: Infoprogramm

Länge: 109
Bild: PAL, Farbe
Ton: Dolby Stereo
Sprache: Deutsch
Untertitel: englische Untertitel
Regionalcode: codefree

Label: absolut MEDIEN
Rubrik: Dokument
Genre: Literaturverfilmung


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