Film | HUNGER IN WALDENBURG / UMS TÄGLICHE BROT (1929)

HUNGER IN WALDENBURG / UMS TÄGLICHE BROT (1929)

Regie: Phil Jutzi, Wolfgang Neff, Uwe Mann Herausgeber: Guido Altendorf

Das gewaltige Schloss Fürstenstein steht für die Kapitalisten – Mietskasernen, ausgemergelte Grubenarbeiter, ihre Frauen und Kinder für die Unterdrückten. Ihnen gilt die Sympathie der Filmemacher von HUNGER IN WALDENBURG (1929). Keine Sentimentalität, kein falsches Mitleid. Die damalige Zensur schritt ein, um sozialen Unruhen, die der Film möglicherweise auslösen könnte, vorzubeugen. Die Waldenburger bekamen ihren Film nie zu sehen. 1933 wurde der Streifen von den Nationalsozialisten verboten und verschwand für lange Zeit. Erst 1974 strahlte das DDR-Fernsehen eine fragmentarische Kopie aus (ebenfalls auf dieser Edition), die 1996 mit weiteren, im Moskauer Filmarchiv aufgefundenen Materialien ergänzt werden konnte, die hier zum ersten Mal auf DVD vorliegt. Eine der Laiendarstellerinnen aus Phil Jutzis Film gibt Auskunft über die Dreharbeiten und ihr Leben in der DDR in dem berührenden Porträtfilm post scriptum Vetschau 1975.
 
MORGENRÖTE war die bürgerliche Antwort auf HUNGER IN WALDENBURG, entstanden im selben Jahr, an den gleichen Schauplätzen. Soziale Fragen kreuzen sich mit Eheproblemen der „besseren“ Gesellschaft und gehen am Ende eine unheilige Allianz ein, wenn die Drehbuchautoren ihre Sympathien einem Streikbrecher schenken und das Publikum dazu auffordern, es ihnen gleich zu tun. Morgenröte fand höchstens ein Provinzpublikum und das auch nur für kurze Zeit. Glücklicherweise. Das reaktionäre Melodram ist auf dieser DVD wahrscheinlich zum ersten Mal überhaupt wieder zu sehen, seit es von irgendeinem Stummfilmkino, ein paar Monate nach seiner Uraufführung, letztmalig gezeigt wurde. Ein vergessenes Beispiel für Konjunkturkitsch, heutzutage aber wichtig als Dokument seiner Entstehungszeit, deren Marktmechanismen und geistigen Strömungen. Wie weit sind wir im neuen Jahrtausend davon entfernt?
 
Das Kohlerevier Waldenburg, ab 1945 Wałbrzych, gibt es nicht mehr. Seit circa 20 Jahren sind die Gruben geschlossen. Und genau so lange gibt es immer wieder Beiträge in den Medien über die so genannten „Kohlespechte“, meist ehemalige Kumpel, die aus selbstgegrabenen Schächten illegal Kohle fördern, unter Lebensgefahr, aus reiner Not. Uwe Manns Film KOHLE ALS HONORAR schlägt einen Bogen in die Gegenwart. Er ist ein trauriger Epilog zum Thema „Hunger in Waldenburg“.
 
Zensur- und Produktionsunterlagen, sowie Texte zur Waldenburger Region, zu den Filmen und ihrer Rekonstruktion befinden sich im ROM-Teil.
 
Für die beiden Stummfilme sind exklusiv neue Musikeinspielungen entstanden.

Um’s tägliche Brot

Deutschland 1928/1929, Spielfilm
Regie: Phil Jutzi
Drehbuch: Léo Lania
Kamera: Phil Jutzi

Darsteller:
Sybille Schloß
Holmes Zimmermann

Produktionsfirma: Film-Kartell (Berlin)
Produzent: Willi Münzenberg, Léo Lania (Gesamtleitung)

Musik, Bratsche, Violine: Cordula Heth
Aufnahme: Dirk Heth, August 2017 in Berlin
Mischung: Raimund von Scheibner

„Sechs Stunden von Berlin: eine Hölle des Kindertodes. Rachitis, Tuberkulose, Erwerbslosigkeit. Ein Ort der Qual für alle Orte. (…) Lanias Menschen filmen nicht vor der Kamera. Sie leben. Schüchtern, ungeschickt, sehnsüchtig – das Herz neigt sich vor ihnen… Hingehen! Ansehen! Erleiden! Helfen!“
Manfred Georg, Tempo, Berlin, Nr. 64, 16.3.1929

„Über das deutsche Hungergebiet im Kohlenbergrevier von Waldenburg sind in der letzten Zeit erschütternde Zahlen bekannt geworden, aber dem Leser von Elendsberichten fällt es schwer, die grauenhafte Wahrheit der Zahlen zu glauben. Sollte es in Deutschland wirklich fast 50 000 Menschen geben, die langsam verhungern? Für die Hundefleisch eine Delikatesse ist? Deren Kinder in Massen Opfer der Tuberkulose werden, ohne eigenes Bett zusammengepfercht in triefenden Höhlen schlafen, im Winter keine warme Kleidung besitzen, unterernährt, halb verhungert sind? Männer, die mit den fahlen Gesichtern lebender Leichname in die Gruben fahren, neun Stunden unter Tage schuften, um im Monat keine 10 Mark zu verdienen? Frauen, die mit 30 Jahren aussehen, wie welke Greisinnen, mager und ausgemergelt, hässlich durch ewige, bitterste Not und täglichen Hunger? Es gibt dieses Hungerland wirklich. Es liegt in Deutschland. In einer Landschaft, die fruchtbar ist, deren Wälder, Hügel und Berge voller Anmut und Schönheit sind. Der Filmstreifen „Hunger in Waldenburg“, der sich schlicht „Ein Filmbericht“ nennt, hat nüchtern und gewissenhaft das unvorstellbare Elend bildhaft gemacht.“ H.G., Die Welt am Abend, Nr. 64, 16.3.1929

„Uns war (…) durch die Plakatierung unserer Publikums- und Filmmagazin-Lieblinge der Blick verstellt auf das wirkliche Gesicht des Volkes, das sich in diesem Filmbericht zum ersten Mal enthüllt. Nicht anders als im Russenfilm, zieht eine ergreifende Fülle von einfachen, ausdrucksstarken, in ihrer Selbstverständlichkeit schicksalhaften Gesichtern vorüber. Diese in ihrer Gesamtheit gesehen und vor die Kamera gebracht zu haben, das ist vielleicht das dauernste Verdienst des Films.“
Fritz Walter, Berliner Börsen-Courier, Nr. 129, 17.3.1929

„Lieber Leo Lania, (…) Mit ganz geringen Mitteln haben Sie Ihren Film gedreht; ohne Generaldirektoren und Stars. Dafür haben Sie etwas mitgebracht, was den guten Journalisten zum Kameramann geradezu prädestiniert: Blick für das Wesentliche und Sinn für die Wirkung. (…) Wir wollten beide helfen, indem wir die Wahrheit sagten, die ganze schlimme, aufrüttelnde Wahrheit. Ich beneide Sie, dass Sie mit schnellem Entschluss die Feder mit dem Objektiv vertauschten, sich das stärkere, schärfere, eindringlichere Überzeugungsmittel sichernd. (…) Ihr Film ist eine notwendige, vortreffliche, verantwortungsbewusste Tat.“ C.Z. Klötzel, Berliner Tageblatt, Nr. 131, 18.3.1929

Morgenröte. Das Drama des Stollen 306
Regie: Wolfgang Neff
Drehbuch: Marie-Louise Droop, Richard Freese
Kamera: Reimar Kuntze (unter Tage), Georg Bruckbauer (über Tage, Atelier)
Deutschland 1929, Spielfilm
 
Musik, Kinoorgel, Klavier: Susanne Schaak
Aufnahme: Raimund von Scheibner, Januar 2018 in Potsdam
Mischung: Raimund von Scheibner

„Ein gefährliches Machwerk! Raffinierte Mischung aus tiefster Verlogenheit und halber Wahrheiten(…). Eine Vernebelung sozialer Probleme. (…) Man möchte wünschen, dass dieser Film (samt lebenden Originalfiguren, Regisseuren und Manuskriptschreibern usw.) wiederum ins oberschlesische Kohlenrevier verfrachtet und dort vor gemeinen Kumpels gespielt würde, – nur um das interessante Experiment zu machen, ob die oberschlesischen Arbeiter genügend gesunden Instinkt besitzen, um sämtlichen Mitwirkenden die p.p. Knochen windelweich zu schlagen.“ Mersus, Berlin am Morgen, Nr. 130, 18.8.1929

„Der Höhepunkt des Films ist eine Grubenkatastrophe. Aufregend – aber spürbar unnatürlich. Und so ist der Film im Ganzen. (…) Es zeichnet diesen Film aus, dass er den Mut hat, uns in eine reale, gegenwärtige, bedeutsame Welt zu führen – aber der letzte Mut mangelt ihm: er weicht immer wieder zu den romanhaften Schicksalen typischer Filmfiguren aus. Die Folgen einer Streikbewegung und einer Schlagwetterexplosion bestehen hier im Unglück zweier Liebenden. Und was aus den Kämpfern und Opfern wird, erfahren wir nicht.“ gl-g., Vossische Zeitung, Nr. 387, 17.8.1929

Die Regisseure

Phil Jutzi
22.07. 1896, Altleinigen – 01.05. 1946 Neustadt an der Weinstasse
Der Sohn eines Schneidermeisters besuchte nach Beendigung der Volksschule eine Kunstgewerbeschule. 1916 arbeitete er als Plakatmaler für ein kleines Kino im Schwarzwald. Ab 1919 führte er Regie bei der Internationalen Film-Industrie GmbH (ifi) in Heidelberg, die auf Detektiv- und Wildwestfilme spezialisiert war. 1923 heiratete er Emmy Zimmermann, die Schwester des Schauspielers Holmes Zimmermann, der später Hauptdarsteller einiger seiner Filme wurde. 1925 ging Phil Jutzi nach Berlin, wo er über die Internationale Arbeiterhilfe (IAH) zum kommunistischen Film-Kartell Welt-Film kam, bei dem er als Kameramann aktuelle Ereignisse drehte. Ab 1926 arbeitete Jutzi als Regisseur bei der proletarischen Prometheus Film, wo er u. a. die Erstellung der deutschen Tonfassung des sowjetischen Films Panzerkreuzer Potemkin realisierte und sich mit dem Film Mutter Krausens Fahrt ins Glück (1929) als wichtiger Regisseur des proletarischen Kinos auswies. 1929 trat Jutzi aus der KPD aus, deren Mitglied er seit Anfang 1928 gewesen war. Sein wahrscheinlich erfolgreichster Film wurde Berlin – Alexanderplatz (1931). Im März 1933 wurde Phil Jutzi Mitglied der NSDAP. Trotzdem erhielt er aufgrund seiner politischen Vergangenheit keine Aufträge für abendfüllende Produktionen. Von 1933 bis 1941 inszenierte er 49 Kurzfilme. 1942 wurde er Chef-Kameramann bei der Reichspost-Fernseh-Gesellschaft, weiterhin arbeitete er bei der Berliner Lex-Film, wo Jutzi im Auftrag der Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (RWU) einige Kulturfilme produzieren sollte. Seine sich stets verschlechternde Gesundheit machte ihn weitgehend arbeitsunfähig. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ging er zurück in seine Heimat, wo er 1946 verstarb.

Leo Lania
13.08. 1896 Charkow – 09.11. 1961 München
Leo Lania (eigentl. Lazar Herman) verließ nach dem Tod seines Vaters 1906 mit seiner Mutter und seinem Bruder Russland und studierte an der Handelsakademie Wien. Nach dem Ersten Weltkrieg war er von 1919 bis 1921 Mitglied der KPÖ und verfasste Artikel für „Die Rote Fahne“. Ab 1921 lebte er in Berlin, wo er die Internationale Telegraphenagentur (Intel) gründete. Als italienischer Faschist getarnt interviewte er 1923 Hitler und warnte in den Reportagen „Die Totengräber Deutschlands“ (1923) und „Gewehre auf Reisen“ (1924) vor der Wiederaufrüstung und der NSDAP. Daraufhin wurde er des Landesverrats angeklagt. Daraufhin verabschiedete der Reichstag die „Lex Lania“ zum Schutz journalistischer Berufsgeheimnisse. Ab 1926 war er für den „Berliner Börsen-Courier“ und als freier Journalist vor allem für die „Weltbühne“ tätig. 1927 wird er Mitglied des Dramaturgischen Kollektivs an Erwin Piscators Theater am Nollendorffplatz. Auf Wunsch von Bertolt Brecht arbeitete er am Drehbuch des Films Die 3 Groschen-Oper mit. Mit dem Regisseur G.W Pabst entstanden weitere gemeinsame Filme. Nach einer Reise durch die UdSSR übersiedelte Lania zunächst nach Wien, 1933 geht er in die Emigration nach Frankreich. Nach Kriegsausbruch wurde er von deutschen Besatzern verhaftet. Nach einer Flucht über Südfrankreich, Spanien und Portugal können er und seine Frau in die USA ausreisen. 1942 begann seine Arbeit für das Office of War Information. Nach Kriegsende übersiedelte Lania nach München und arbeitete für verschiedene amerikanische und europäische Zeitschriften. Als Ghostwriter verfasste er u.a. eine Autobiografie für Willy Brandt

Wolfgang Neff
08.08. 1875, Prag – nach 1936 (?)
Wolfgang Neff arbeitete zunächst zwei Jahre in der Glas-Exportfirma seines Onkels. Anschließend war er drei Jahre Bürokraft und bildete sich ein Jahr in Malerei aus. Von 1900 bis 1903 erhielt er Schauspielunterricht. Er gab sein Bühnendebüt 1903 in Lüneburg. Weitere Stationen waren Thorn (1904), Stralsund (1905), Konstanz (1906) und Kiel (1909). Im Jahr 1910 kam er nach Berlin und wurde 1911 als Oberregisseur an das Friedrich-Wilhelmstädtische Schauspielhaus berufen. Er spielte die Titelrollen in König Lear, Macbeth und Nathan der Weise. 1913 stand er als Schauspieler erstmals vor der Kamera. Ab 1920 war er ausschließlich als Filmregisseur aktiv und drehte Filme der unterschiedlichsten Genres. Der Todesweg auf die Bernina aus dem Jahr 1931 war einer der letzten deutschen Stummfilme. Er blieb auch seine letzte Regiearbeit. Bis 1936 war er noch in Berlin bei der Herstellung von Dokumentarfilmen beschäftigt. Danach kehrte Wolfgang Neff wieder in seine Heimatstadt Prag zurück. Weiteres zu seinem Leben ist derzeit unbekannt.

Uwe Mann
Geboren 1962 in Hoyerswerda, absolvierte Uwe Mann vor seinem Kamera-Studium an der HFF Potsdam Babelsberg zunächst ein Studium zum Bauingenieur und ein Volontariat als Regieassistent im DEFA Studio für Dokumentarfilme. Seit 1997 arbeitet er als Kameramann. Für Mein Leben – Die Fotografin Sybille Bergemann erhielt Uwe Mann den Grimme-Preis, nominiert wurde auch sein Film Mein Leben – Flake. Uwe Mann hat darüber hinaus Musikvideos, diverse Kinofilme, Dokumentarfilme, Fernsehproduktionen und mit Marc Andreas Bochert mehrere erfolgreiche Kinderfilme gedreht. Den Film Im Dreieck (2013) realisierte er Regisseur.

Ullrich Kasten
Ullrich Kasten, 1938 in Berlin geboren, arbeitete von 1962 bis 1991 als Regisseur und Autor beim Deutschen Fernsehfunk der DDR. In Dokumentationen von sehr persönlicher, unverwechselbarer Handschrift, häufig gemeinsam mit Fred Gehler realisiert, widmete er sich der deutschen Filmgeschichte. Seinem unermüdlichen Engagement sind die zahlreichen Sendeplätze für Stummfilme im DDR-Fernsehen zu verdanken. Nach 1992 war er beim Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) als Redakteur, Regisseur und Autor tätig. In vielen Werken setzte sich Kasten auch mit Kulturtraditionen jenseits der Filmgeschichte auseinander. In den Produktionen Mein Leben ist so sündhaft lang sowie Und so ist alles schwankend zeichnete er die Geschichte Victor Klemperers nach. Bereits 2001 erhielt Kasten den “Kultur” Sonderpreis des Landes NRW" für Über den Abgrund geneigt, ein Porträt des frühen Expressionisten und späteren Staatsdichters Johannes R. Becher. 2004 erhielt er für Der Unzugehörige: Peter Weiss – Leben in Gegensätzen den Grimme Preis.

Extras

Bonus:
Ums tägliche Brot – DDR-Tonversion (1975, 37’)
postskriptum Vetschau (1975, Farbe, 25’)

Ausführlicher PDF Teil

Inhaltsübersicht

Um’s tägliche Brot – restauriert (s/w, 44’)
Morgenröte (s/w und Virage, 1’h39’)
Kohle als Honorar (2016, 23‘)
Bonus:
Ums tägliche Brot – DDR-Tonversion (1975, 37’)
postskriptum Vetschau (1975, Farbe, 25’)

Um’s tägliche Brot. Hunger in Waldenburg
9 Stunden – Tag aus, Tag ein
Der Weg zum Glück
Sorgen um die Miete

Morgenröte. Das Drama des Stollen „306“
Kohle!
In der Hölle des Berges
Der Schoß der Erde
Glück und Sorgen über Tage
Stollen „306“ brennt!

Credits
Herausgeber: Guido Altendorf
Regie: Phil Jutzi, Wolfgang Neff, Uwe Mann

Produktionsland: D
Produktionsjahr: 1929
Pressestimmen

Film-Kurier, Nr. 66, 16.3.1929

Ein Vorgang aus dem täglichen Leben der deutschen Republik wird von einem Journalisten mit der Kamera aufgegriffen: Leo Lania und Phil Jutzi bringen eine Bildreportage vom Hunger im Waldenburger Industrierevier.

Volksverband für Filmkunst und Theater am Schiffbauerdamm haben sich zusammengetan, um die Herstellung zu ermöglichen. Wo geschriebener Bericht und Bühnengestaltung nicht ausreichen, soll die Suggestivkraft des Optischen Wirkung vermitteln.

Voraussetzung des Berichtfilms ist die Zuspitzung, Inspirierung der Vorgänge. Aneinandergereihte Tatsachen können durch Montage – die an sich bereits wieder Bearbeitung und Beeinflussung ist – wirken. Verläßlicher bleibt die Wendung zum Spielfilm. Macht nichts, wenn nur der Hintergrund gewahrt bleibt.

(Denn: Gäbe man nichts, als photographierte Tatsachen, schon die Einstellung der Kamera, der Blickwinkel, von dem aus gesehen wird, bedeutet Stellungnahme.) Da wird also geschildert. Neun-Stunden-Arbeit, Schuften an Webstühlen, Modell 1875, Trostlosigkeit stuckverfallener Häuserfassaden, Luftverpestung durch Fabrikschlote. Man sieht, wie Ehegatten einander stumpf werden durch Gewohnheit und Elend, man sieht Kinder, rachitisch und tuberkulös; sieht Bilder vom Freitod eines Alten, der zu müde ist, um mitzumachen. Und erfährt nebenbei von Löhnen, die bereits Anno 1789 in Frankreich einige Erregung verursacht haben.

Kein angenehmer Film, wahrhaftig nicht; aber ein notwendiger.

Nebenbei, gegenübergestellt, taucht das Schloß der Fürsten Pleß auf, denen die Waldenburger leibeigen sind. Die fürstliche Familie verfügt über etwa 100 Millionen Mark Vermögen. Auf eine mehr oder weniger kommt es schließlich nicht an.

(Wer reizt nun auf – Die, denen Waldenburger Zustände unmenschlich, schändlich dünken, so daß sie dagegen Front machen, auch ohne unmittelbar beteiligt zu sein; oder die, die schuften, aufrechterhalten, aus ihnen Nutzen ziehen?)

Schade, daß Lania bei diesem ersten Versuch noch inkonsequent ist. Der abschwächende Schluß beeinträchtigt die Wirkung des Films wesentlich. Nach dem kollektivistischen Auftakt, der Einzelmenschen nur als Vertreter einer Klasse schildert, ein Abbiegen ins Individualistische – das geht nicht.

Die Hungerfrage im Kohlengebiet wird zum Kinokonflikt zwischen Jung-Arbeitslosen und Hauseigentümer. Wobei der Hauseigentümer am Schluß als der Schuldige dasteht.

In Waldenburg, im Ruhrrevier, überall da, wo Handarbeiter sitzen, nicht um mehr geht es, um andere Schuldfragen. Die finanziell notwendig gewesene Improvisation wird durch die Zähigkeit ausgeglichen, mit der Kamera und Regie Schwierigkeiten von Milieu und Darstellermaterial überwinden; und, siehe da, es geht auch ohne Prunkbauten, ohne Geldverschwendung. (Der Schwierigkeit schlimmste, Kampf gegen die Zensur, zeigt immer wieder, was man zu erwarten hat, wenn die Überwachungsmethoden, deren Gefahren die Linke in ihrer Film-Nichtachtung jahrelang übersah, beibehalten und ausgedehnt werden.)

„Sechs Stunden von Berlin: eine Hölle des Kindertodes. Rachitis, Tuberkulose, Erwerbslosigkeit. Ein Ort der Qual für alle Orte. (…) Lanias Menschen filmen nicht vor der Kamera. Sie leben. Schüchtern, ungeschickt, sehnsüchtig – das Herz neigt sich vor ihnen… Hingehen! Ansehen! Erleiden! Helfen!“
Manfred Georg, Tempo, Berlin, Nr. 64, 16.3.1929

„Über das deutsche Hungergebiet im Kohlenbergrevier von Waldenburg sind in der letzten Zeit erschütternde Zahlen bekannt geworden, aber dem Leser von Elendsberichten fällt es schwer, die grauenhafte Wahrheit der Zahlen zu glauben. Sollte es in Deutschland wirklich fast 50 000 Menschen geben, die langsam verhungern? Für die Hundefleisch eine Delikatesse ist? Deren Kinder in Massen Opfer der Tuberkulose werden, ohne eigenes Bett zusammengepfercht in triefenden Höhlen schlafen, im Winter keine warme Kleidung besitzen, unterernährt, halb verhungert sind? Männer, die mit den fahlen Gesichtern lebender Leichname in die Gruben fahren, neun Stunden unter Tage schuften, um im Monat keine 10 Mark zu verdienen? Frauen, die mit 30 Jahren aussehen, wie welke Greisinnen, mager und ausgemergelt, hässlich durch ewige, bitterste Not und täglichen Hunger? Es gibt dieses Hungerland wirklich. Es liegt in Deutschland. In einer Landschaft, die fruchtbar ist, deren Wälder, Hügel und Berge voller Anmut und Schönheit sind. Der Filmstreifen „Hunger in Waldenburg“, der sich schlicht „Ein Filmbericht“ nennt, hat nüchtern und gewissenhaft das unvorstellbare Elend bildhaft gemacht.“
H.G., Die Welt am Abend, Nr. 64, 16.3.1929

„Uns war (…) durch die Plakatierung unserer Publikums- und Filmmagazin-Lieblinge der Blick verstellt auf das wirkliche Gesicht des Volkes, das sich in diesem Filmbericht zum ersten Mal enthüllt. Nicht anders als im Russenfilm, zieht eine ergreifende Fülle von einfachen, ausdrucksstarken, in ihrer Selbstverständlichkeit schicksalhaften Gesichtern vorüber. Diese in ihrer Gesamtheit gesehen und vor die Kamera gebracht zu haben, das ist vielleicht das dauernste Verdienst des Films.“
Fritz Walter, Berliner Börsen-Courier, Nr. 129, 17.3.1929

„Lieber Leo Lania, (…) Mit ganz geringen Mitteln haben Sie Ihren Film gedreht; ohne Generaldirektoren und Stars. Dafür haben Sie etwas mitgebracht, was den guten Journalisten zum Kameramann geradezu prädestiniert: Blick für das Wesentliche und Sinn für die Wirkung. (…) Wir wollten beide helfen, indem wir die Wahrheit sagten, die ganze schlimme, aufrüttelnde Wahrheit. Ich beneide Sie, dass Sie mit schnellem Entschluss die Feder mit dem Objektiv vertauschten, sich das stärkere, schärfere, eindringlichere Überzeugungsmittel sichernd. (…) Ihr Film ist eine notwendige, vortreffliche, verantwortungsbewusste Tat.“
C.Z. Klötzel, Berliner Tageblatt, Nr. 131, 18.3.1929

Die zeitgenösssiche Presse zu Morgenröte:
„Ein gefährliches Machwerk! Raffinierte Mischung aus tiefster Verlogenheit und halber Wahrheiten(…). Eine Vernebelung sozialer Probleme. (…) Man möchte wünschen, dass dieser Film (samt lebenden Originalfiguren, Regisseuren und Manuskriptschreibern usw.) wiederum ins oberschlesische Kohlenrevier verfrachtet und dort vor gemeinen Kumpels gespielt würde, – nur um das interessante Experiment zu machen, ob die oberschlesischen Arbeiter genügend gesunden Instinkt besitzen, um sämtlichen Mitwirkenden die p.p. Knochen windelweich zu schlagen.“
Mersus, Berlin am Morgen, Nr. 130, 18.8.1929

„Der Höhepunkt des Films ist eine Grubenkatastrophe. Aufregend – aber spürbar unnatürlich. Und so ist der Film im Ganzen. (…) Es zeichnet diesen Film aus, dass er den Mut hat, uns in eine reale, gegenwärtige, bedeutsame Welt zu führen – aber der letzte Mut mangelt ihm: er weicht immer wieder zu den romanhaften Schicksalen typischer Filmfiguren aus. Die Folgen einer Streikbewegung und einer Schlagwetterexplosion bestehen hier im Unglück zweier Liebenden. Und was aus den Kämpfern und Opfern wird, erfahren wir nicht.“ gl-g., Vossische Zeitung, Nr. 387, 17.8.1929

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€ 14,90


Best. Nr.: 3013
ISBN: 978-3-8488-3013-8
EAN: 978-3-8488-3013-8

Länge: 143
Bild: PAL, s/w, 4:3
Ton: Dolby Stereo
Sprache: Deutsch
Untertitel: englisch, polnisch
Regionalcode: codefree

Label: ARTE Edition
Edition: Filmmuseum Potsdam, ARTE EDITION
Reihe: Stummfilm
Rubrik: Spielfilm


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